JUAN JESUS MENDEZ, BODEGAS VIñATIGO

von | 12 Dez.,2025 | Bodegas, Interview, Kanaren

Wein ist mein Weg, die Welt zu entdecken

Juan Jesus Mendez gilt als Visonär, Bewahrter und Wegbereiter für den Weinbau auf den Kanaren. Ich treffe ihn in seiner Bodega Viñátigo, in einem erkalteten Lavatunnel, 12 Meter tief unter der Erdoberfläche

Aus Familientradition wird Leidenschaft

Wolfgang R. Jandl, Inselweintour (WJ):
Juan Jesus Mendez, was war der Moment, in dem du wusstest: Ich werde Winzer?

Juan Jesus Mendez, Bodegas Viñátigo (JJM):
Ein Bezug war schon von klein auf da. Durch die Familie. Alle meine Vorfahren waren Weinbauern. Und schon wir Kinder haben im Weinberg mitgeholfen, das war in der Landwirtschaft so. Ich habe dann ja Chemie studiert und gesehen, dass viele natürliche Vorgänge sich in dieser Wissenschaft wiederfinden lassen. Und im vierten Studienjahr habe ich einen Kurs in Önologie belegt, bei Isabel Mijares, der Grande Dame des spanischen Weinbaus. Sie hat mich angestoßen, einzutauchen in die Feinheiten der Weinbereitung und der Sensorik. Aus der Familientradition wurde plötzlich Leidenschaft.

 

Wir graben uns tief in unsere Sorten ein

WJ: Du hast dich dann gezielt für die alten Rebsorten eingesetzt…

JJM: Weil sie Ausdruck unseres Bodens, unserer Kultur und Geschichte sind. Viele dieser Sorten waren vom Aussterben bedroht – nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil man sie nicht verstand. Ich wollte wissen, was in ihnen steckt.

WJ: Wie hast du diese Sorten wiederentdeckt?

JJM: Es war Detektivarbeit. Ich bin durch die Berge gereist, habe mit alten Bauern gesprochen, Reiser gesammelt, mikroviniert, gekostet, wieder verworfen. Manche Sorten haben Jahre gebraucht, bis wir sie verstanden haben. Andere waren sofort faszinierend.

WJ: Welche Rolle spielen die vulkanischen Böden für den Charakter deiner Weine?

JJM: Eine wesentliche. Unsere vulkanischen Böden verleihen den Weinen eine unverwechselbare Mineralität und lebendige Struktur. In Verbindung mit dem atlantischen Klima entstehen so Aromaprofile, die sich völlig von denen anderer Weinregionen unterscheiden. Geh doch nur mal vor die Tür der Bodega. Da liegt die Parzelle „Cabo Verde“, die „Grüne Senke“. Das zeigt sehr genau, was die Besonderheiten hier sind.

 

Vulkan + Atlantik + Höhe 

WJ: Welche Aspekte deines Terroirs sind für dich entscheidend – und wie zeigen sie sich konkret im Glas?

JJM: Die Qualität und der Charakter eines Weines entstehen für uns zu 120 Prozent im Weinberg. Genau das, was dort entsteht, wollen wir ins Glas bringen. Im Keller sehen wir uns vorrangig als Übersetzer des Bodens – nicht als Gestalter oder Manipulatoren. Wir arbeiten mit spontaner Gärung, lassen ganze Trauben in der Maische stehen, bauen aus in Edelstahl, im Holzfass, im Betonei und in Amphoren. Immer so, wie es das Ausgangsmaterial verlangt.

WJ: Was unterscheidet deine Weine von anderen kanarischen Erzeugern?

JJM: Wir gehen sehr sorten- und herkunftsbezogen vor. Jede Lage, jede Sorte lesen und verarbeiten wir für sich. Du kannst bei uns mehr als 20 Weine verkosten: Einzellagen, Ortsweine und mehr als zehn Rebsorten-Gutsweine, von Baboso Negro bis Vijariego Blanco. Das ist schon einzigartig.

 

Weltläufig regional…

WJ: Welche drei großen Weinbauregionen siehst du als Orientierung für deine Arbeit?

JJM: Zuallererst einmal Burgund! Da ist vieles ähnlich wie hier: eine Menge kleiner Erzeuger, kleine und vielfältige Terroirs, Respekt und Zurückhaltung bei der Weinbereitung. Da gibt es viele Parallelen.
Dann Ribeira Sacra in Galizien, mit einem ähnlich atlantischen Klima wie hier und ebenfalls vergleichbarer Struktur.
Und dann die Moselregion in Deutschland. Die Arbeit in den Weinbergen dort ist ebenso heroisch und anstrengend wie hier bei uns, und die Winzer gehen ähnlich facettenreich an ihre Weine heran.

WJ: Dein Name steht heute für Weine mit internationalem Renommee. Wie behältst du dabei deine Handschrift?

JJM: Wichtig ist, dass man weiß, was man hat und was man will – dann ist das wirklich einfach. Wir sehen schon auch, was in der Welt passiert. Aber wir haben Vulkanböden ohne Reblaus, wurzelechte Reben in einer Sortenvielfalt wie sonst nirgendwo. Wir haben die Passatwinde und den Atlantik, die uns Feuchte und Kühle bringen. Daraus entstehen einzigartige Weine.

WJ: Was war die größte Herausforderung gegenüber den Weintrinkern?

JJM: Die bestand tatsächlich darin, Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Es gab eine Zeit, in der man dachte, dass die kanarischen Weine im internationalen Vergleich nicht mithalten könnten. Wir haben jedoch gezeigt, dass unsere angestammten Rebsorten eine einzigartige Identität haben und außergewöhnliche Weine hervorbringen können.

WJ: Die Kanaren liegen mitten im Atlantik. Welche Rolle spielen klimatische Herausforderungen – für dich als Winzer und für die Reben?

JJM: Unsere einzelnen Rebsorten sind seit Jahrhunderten an diffizile Standorte, manchmal sogar an einzelne Parzellen, angepasst und kommen dort bestens zurecht. Manche wie Malvasía oder Negramoll brauchen mehr Wärme, andere wie Listán Blanco kühlere Temperaturen und feuchte Nächte. Die Erwärmung spüren wir schon, aber wir haben auch das Glück, dass wir auf den Inseln große Höhenunterschiede haben. Wir weichen dann mit unseren Weinstöcken einfach aus – ein Stück bergauf, wo es kühler ist; dort fühlen sie sich wieder zu Hause.

 

…und regional weltläufig

WJ: Deine Weine finden Anklang von Tokyo bis Kopenhagen. Wie gehst du mit den Erwartungshaltungen internationaler Märkte um? Was bedeutet für dich in diesem Umfeld Authentizität – und woran erkennt man sie?

JJM: Der Kanarenwein bringt ja schon von Natur aus eine einzigartige geschmackliche Charakteristik mit. Die wurzelechten Reben wachsen im Vulkanboden und bringen niedrige Erträge. Alles zusammen verleiht den Weinen eine besondere Konzentration und Mineralität, die sie unverwechselbar und zu perfekten Speisenbegleitern macht. Andererseits haben wir kleine Chargen und insgesamt ein sehr geringes Marktvolumen. Wir suchen also auch im Vertrieb das Besondere. Wir legen großen Wert darauf, in Top-Vinotheken und der Spitzengastronomie vertreten zu sein – dort, wo Weinkenner und Sommeliers die Geschichte unserer Weine weitertragen können.

 

Tiefgründig anstatt modisch

WJ: Du hinterlässt große Fußstapfen – als Bewahrer und Erneuerer, als Visionär und erfolgreicher Unternehmer. Was wünschst du dir für die Zukunft des kanarischen Weinbaus?

JJM: Dass wir selbstbewusst gemeinsam den eingeschlagenen Weg weitergehen. Unsere Inseln sind ein Schatz – aber wir müssen ihn pflegen, nicht nur vermarkten. Es geht nicht darum, modisch zu sein, sondern tiefgründig. Und wir haben auch ganz konkrete Herausforderungen, wie Rebkrankheiten. Wir müssen also mehr forschen, damit wir unsere Weinstöcke künftig noch widerstandsfähiger machen.

WJ: Was ist für dich der größte Irrtum der modernen Weinwelt?

JJM: Dass ein Dutzend französische Rebsorten nach der Methode Copy and Paste zusehends die ganze Welt erobert und in vielen Weinbauregionen die überlieferten Rebsorten in den Hintergrund drängt. Das führt zu einer Standardisierung, die ich nicht für wünschenswert halte.

WJ: Welcher Wein liegt dir besonders am Herzen?

JJM: Der Baboso Negro. Eine unglaubliche Rebe. Schwer zu zähmen, aber mit einem Ausdruck, der mich immer wieder sprachlos macht. Sie ist wie die Insel selbst – wild, schön, komplex.

WJ: Und zu guter Letzt: Gibt es einen Wein, den du selbst immer wieder trinkst – und warum?

JJM: Immer wieder? Eigentlich nicht. Ich wechsle gerne ab. Mich reizt es, zu forschen und zu entdecken. Die Welt ist groß und vielfältig – Landschaften, Kulturen, Menschen. Der Wein ist mein Weg, sie zu entdecken.