JUAN JESUS MENDEZ, BODEGAS VIñATIGO

von | 27 Mai,2025 | Bodegas, Interview, Kanaren

Wir graben uns in die Tiefe der Sorten ein“

Interview mit einem Visonär und Wegbereiter

Wolfgang R. Jandl, Inselweintour (WJ):
Juan Jesus Mendez, was war der Moment, in dem Sie wussten: Ich werde Winzer?
Juan Jesus Mendez, Bodegas Vinatigo (JJM):
Ein Bezug war schon von Klein auf da. Durch die Familie. Alle meine Vorfahren waren Weinbauern. Und schon wir Kinder haben im Weinberg mitgeholfen, das war in der Landwirtschaft so. Ich habe dann ja Chemie studiert und gesehen, dass viele natürliche Vorgänge sich in dieser Wissenschaft wiederfinden lassen. Und im 4. Studienjahr habe ich einen Kurs in Önologie belegt, bei Isabel Mijares, der Grande Dame des spanischen Weinbaus. Sie hat mich angestoßen, einzutauchen in die Feinheiten der Weinbereitung und der Sensorik. Aus der Familientradition wurde plötzlich Leidenschaft.
WJ: Sie haben sich dann gezielt für die alten Rebsorten eingesetzt….
JJM: Weil sie Ausdruck unseres Bodens, unserer Kultur und Geschichte sind. Viele dieser Sorten waren vom Aussterben bedroht – nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil man sie nicht verstand. Ich wollte wissen, was in ihnen steckt.
WJ: Wie haben Sie diese Sorten wiederentdeckt?
JJM: Es war Detektivarbeit. Ich bin durch die Berge gereist, habe mit alten Bauern gesprochen, Reiser gesammelt, mikroviniert, gekostet, wieder verworfen. Manche Sorten haben Jahre gebraucht, bis wir sie verstanden haben. Andere waren sofort faszinierend.
WJ: Welche Rolle spielen die vulkanischen Böden für den Charakter Ihrer Weine?
JJM: Eine wesentliche. Unsere vulkanischen Böden verleihen den Weinen eine unverwechselbare Mineralität und lebendige Struktur. In Verbindung mit dem atlantischen Klima entstehen so Aromaprofile, die sich völlig von denen anderer Weinregionen unterscheiden. Gehen wir doch nur mal vor die Tür der Bodega. Da liegt die Parzelle „Cabo Verde“, als „Grüne Senke“. Das zeigt schon sehr genau, was die Besonderheiten hier sind.
WJ: Welche Aspekte Ihres Terroirs sind für Sie entscheidend – und wie zeigen sie sich konkret im Glas?
JJM: Die Qualität und der Charakter eines Weines, die entstehen für uns zu 120 Prozent im Weinberg. Genau das, was dort entsteht, wollen wir ins Glas bringen. Im Keller sehen wir uns vorrangig als Übersetzer des Bodens – nicht als Gestalter oder Manipulatoren. Wir arbeiten mit spontaner Gärung, lassen ganze Trauben in der Maische stehen, bauen aus in Edelstahl, im Holzfass, Betonei und Amphoren. Immer so, wie es das Ausgangsmaterial verlangt.
WJ: Was unterscheidet Ihre Weine von anderen kanarischen Erzeugern?
JJM: Wir gehen sehr sorten- und herkunftsbezogen vor. Jede Lage, jede Sorte lesen und verarbeiten wir für sich. Sie können bei uns mehr als 20 Weine verkosten, Einzellagen, Ortsweine und mehr als zehn Rebsorten-Gutsweine, von Baboso Negro bis Viajriego Blanco. Das ist schon einzigartig.
WJ: Welche drei großen Weinbauregionen sehen Sie als Orientierung für Ihre Arbeit?
JJM: Zuallererst einmal Burgund! Da ist Vieles ähnlich wie hier. Eine Menge kleine Erzeuger, kleine und vielfältige Terroirs, Respekt und Zurückhaltung bei der Weinbereitung. Da gibt es viele Parallelen.
Dann Ribeira Sacra, in Galizien, mit einem ähnlich atlantischen Klima wie wir hier, und ebenfalls ähnlicher Struktur.
Und dann die Moselregion in Deutschland. Die Arbeit in den Weinbergen dort bist ebenso heroisch und anstrengend wie hier bei uns, und die Winzer dort gehen ähnlich facettiert an ihre Weine heran, wie wir.
WJ: Ihr Name steht heute für Weine mit internationalem Renommee. Wie behalten Sie dabei Ihre Handschrift?
JJM: Wichtig ist, das man weiß, was man hast und was man will, dann ist das wirklich einfach. Wir sehen schon auch, was in der Welt passiert. Aber wir haben Vulkanböden ohne die Reblaus, wurzelechte Reben in einer Sortenvielfalt wie sonst nirgendwo. Wir haben die Passatwinde und den Atlantik, die uns Feuchte und Kühle bescheren. Daraus entstehen einzigartige Weine.
WJ: Was war die größte Herausforderung gegenüber den Weintrinkern?
JJM: Die bestand tatsächlich darin, Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Es gab eine Zeit, in der man dachte, dass die kanarischen Weine im internationalen Vergleich nicht mithalten könnten. Wir haben jedoch gezeigt, dass unsere angestammten Rebsorten eine einzigartige Identität haben und außergewöhnliche Weine hervorbringen können.
WJ: Die Kanaren liegen mitten im Atlantik. Welche Rolle spielen da klimatische Herausforderungen? Für die Winzer, und für die Reben?
JJM: Unsere einzelnen Rebsorten sind ja seit Jahrhunderten an diffizile Standorte, manchmal sogar an einzelne Parzellen, angepasst und kommen dort bestens zurecht. Manche wie Malvasia oder Negramoll, brauchen mehr Wärme, andere wie die Listan Blanco kühlere Temperaturen und feuchte Nächte. Die Erwärmung spüren wir schon, aber wir haben auch das Glück, dass wir hier auf den Inseln große Höhenunterschiede haben. Wir weichen dann mit unseren Weinstöcken einfach aus, ein Stück bergauf, wo es kühler ist; dort fühlen sich diese wieder zu Hause.
WJ: Ihre Weine finden Anklang von Tokyo bis Kopenhagen. Wie gehen Sie mit Erwartungshaltungen internationaler Märkte um? Was bedeutet für Sie in diesem Umfeld Authentizität in ihren Weinen? Und woran erkennt man sie?
JJM: Der Kanarenwein, der bringt ja schon von Natur aus eine einzigartige geschmackliche Charakteristik mit. Die wurzelechten Reben wachsen im Vulkanboden und bringen niedrige Erträge. Alles zusammen verleiht den Weinen eine besondere Konzentration und Mineralität, die sie unverwechselbar und zu perfekten Speisenbegleitern macht. Andererseits haben wir kleine Chargen und auch zusammengenommen nur ein sehr geringes Marktvolumen. Wir suchen also auch im Verkauf das Besondere. Wir legen großen Wert darauf, dass wir in Top-Vinotheken und der Spitzengastronomie vertreten sind, und wo Weinkenner und Sommeliers in der Lage sind, die Geschichte unserer Weine weiter zu erzählen.
Vision & Zukunft
• Sie hinterlassen große Fußstapfen. Als Bewahrer und Erneuerer, als Visionär und als erfolgreicher Unternehmer. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des kanarischen Weinbaus?
JJM: Das wir selbstbewusst gemeinsam den eingeschlagenen Weg weiter gehen. Unsere Inseln sind ein Schatz – aber wir müssen ihn pflegen, nicht nur vermarkten. Es geht nicht darum, modisch zu sein, sondern tiefgründig. Und wir haben auch ganz konkrete Herausforderungen, wie zum Beispiel Rebkrankheiten. Wir müssen also mehr forschen, damit wir unsere Weinstöcke künftig noch widerstandsfähiger machen können.
WJ: Was ist für Sie der größte Irrtum der modernen Weinwelt?
JJM: Das ein Dutzend französische Rebsorten nach der Methode Copy and Paste zusehends die ganze Welt erobern und in vielen Weinbauregionen die überlieferten Rebsorten in den Hintergrund drängen. Das führt zu einer Standardisierung, die mir nicht sehr wünschenswert scheint.
WJ: Welcher Wein liegt Ihnen besonders am Herzen?
JJM: Der Baboso Negro. Eine unglaubliche Rebe. Schwer zu zähmen, aber mit einem Ausdruck, der mich immer wieder sprachlos macht. Sie ist wie die Insel selbst – wild, schön, komplex.
WJ: Und zu guter Letzt: Gibt es einen Wein, den Sie selbst immer wieder trinken – und warum?
JJM: Immer wieder? Eigentlich nicht. Ich wechsle gerne ab. Mich reizt es, zu forschen und zu entdecken. Die Welt ist groß und vielfältig, Landschaften, Kulturen, Menschen… Der Wein ist mein Weg, diese zu entdecken.