PIEDRA FLUIDA: LAVAGLUT IM GLAS

von | 17 Aug.,2025 | Bodegas, Exkursionen, Kanaren, Uncategorized

Europas höchster Weinberg.

„Besser, Du lässt Dein Auto stehen!“, hat mich Weingutschefin Sophia Monshouwer vorgewarnt. Die Achsen meines BMW werden ihr für diesen Rat danken. Im Schritttempo kämpft sich Sophias Geländewagen über faustgroßes Geröll, durch feinen Basaltsplit oder über kopfgroße Steinbrocken bergauf. 

Wir sind im Süden der Urlaubsinsel Teneriffa, weit oberhalb der Strände und Hotels. „Mit 1687 Metern Meereshöhe ist Los Frontones der höchstgelegene Weinberg Europas!“, versichert Sophia. Die EU hat es ihr bestätigt: Keine Rebe in Europa wächst höher!

Los Frontones ist Weinbau am Limit. Die Reben stehen terrassiert auf porösem, hellgrauem Bimssteinschotter – vulkanischem Material, das Licht reflektiert und Wasser schnell versickern lässt. Tagsüber brennt die Sonne erbarmungslos, nachts rauscht eisige Höhenluft vom Teide-Massiv herab. Dazu ständiger Wind.

Muskelkraft ist gefragt

„Maschinen schaffen das nicht. Nur mit Muskelkraft können wir den mehrere Hektar großen Weinberg bearbeiten, “, erzählt Sophia, „Mensch und Pferd im Gespann“. Doch der Aufwand lohnt sich. Die Jahrzehnte alten Listan-Blanco-Reben von „Los Frontones“  bringen einen Wein hervor, der aufgrund seiner außergewöhnlichen Qualität Kenner mit der Zunge schnalzen lässt. 

 

LOS FRONTONES 2022

Spannung im Glas

Von 60 Jahre alten, wurzelechten Listan – Blanco – Stöcken in Buscherziehung. Bekannter ist die Sorte als Palomino. Sie haben es erkannt: in Andalusien entstehen daraus trockene Sherrys. Auf den Kanaren machen die Winzer so ziemlich alle Qualitäten daraus, vom einfachen Hauswein bis hoch zur Weltklasse.

Der „Los Frontones 2022“ spielt für mich klar in der Oberliga. Und zwar nicht, weil der Wein aus dem höchst gelegenen Weinberg Europas kommt, Statistik ist ja nicht Alles.

Strohgelb glänzt im Glas ein stiller, aber charakterstarker und konzentrierter Weißwein mit reifer Zitrusfrucht, Fenchelkraut, Jasmin, salziger Mineralität und einer winzigen Spur Rauch. Am Gaumen wirkt er straff, schnörkellos, mit griffiger Textur, feiner Phenolik und kristalliner Säure. Und Länge!

Das ist etwas für Alle, die Spaß haben an extrem komplexen, reduktiven Weinen. Zusammen mit gegrilltem Tintenfisch, Fenchel und Ziegenkäse ist „Los Frontones Blanco 2022“ nicht zu toppen!

Uralte Weinberge

Piedra Fluida rekultiviert aufgelassene und verwilderte Parzellen und päppelt die darbenden Rebstöcke wieder auf. Seit der Gründung der Bodega, im Jahr 2019, hat das Weingut mehr als 37 Hektar stillgelegte Flächen neu in Produktion genommen und so tausende Jahrhunderte alter Rebstöcke am Leben erhalten. Sophia ist stolz auf ihre önologischen Schätze mit über 60 Jahre alten Rebstöcken. Wie alle Kanaren, ist auch Teneriffa eine Vulkaninsel.

 

„Piedra Fluida, flüssiger Stein: der Name unseres Weinguts bezieht sich auf die glühende Lava, die hier überall Spuren hinterlassen hat!“

 

Von gestern für morgen

Die Reben wurzeln in erstarrtem Vulkangestein, das von Wind und Regen, Sonnenhitze und Eiseskälte in Jahrtausenden unter extremen Temperaturen mehr oder weniger zermürbt und zernagt wurde. Listan Blanco ist die wichtigste Weißweinsorte auf den Kanaren; die wichtigste für Rotwein ist Listan Negro. In der Gemeinde Santa Ursula wächst sie auf zwei benachbarten Parzellen, 650 Meter über dem Meer. Das horizontale Spalier gibt es sonst nirgendwo. Hier wird es seit Jahrhunderten praktiziert, weil es vor Pilzbefall schützt, erklärt uns Sophia: 

Minimalismus und Präzision

Piedra Fluida interpretiert dieses regionale Erbe minimalistisch, aber präzise: Parzellenweise Handlese, spontane Gärung, kein Schnickschnack im Keller. So entstehen Weine, die nicht schmeicheln, sondern erzählen

So wie die ungleichen Zwillinge „Ojitos“ und „Vidal“. Die mehr als 80 Jahre alten Listan – Negro – Reben für beide wachsen gut 600 Meter über dem Meer in Santa Ursula, gerade mal einen Steinwurf voneinander entfernt. Doch Mikroklima und Bodenstruktur geben jedem der zwei Weine eine unverwechselbare Handschrift.

OJITOS 2022

Der beschwingte Bruder der beiden. 

Im Glas zeigt er tiefes kirschrot mit lila Reflexen.

In der Nase grüßen rote Johannisbeeren, Lavendel, Wacholder, getrocknete Kräuter, dazu ein Funken Schießpulver und balsamische Noten.

Am Gaumen ist er mittelgewichtig, frisch und sehnig, mit feinen Tanninen und vibrierender Säure. Anklänge von Lakritz und dunkler Schokolade runden das Bild ab. Uns begeistert die Länge dieses feinen Weins.

Zu gegrillter Lammschulter mit Lavendelkartoffeln, Tintenfisch mit Rauchpaprika oder einem Pilzrisotto mit Majoran zeigt er seine ganze Finesse.

VIDAL 2021

Der geerdete Zwilling: 

Tiefer in der Farbe, mit Aromen reifer Beeren, getrockneter Sauerkirschen, Lorbeer, Olivenholz und einem Hauch Vulkanasche.

Am Gaumen wirkt er straffer, mineralischer und saliner, mit kerniger Tanninstruktur und karger Frucht. Charakter und Tiefe, fast burgundisch, jedoch mit atlantischer Wildheit.

Vidal verlangt nach kräftigeren Speisen: Rehrücken mit schwarzem Knoblauch, Blutwurst-Carpaccio oder ein würziger Linseneintopf mit Paprikawurst sind ideale Begleiter.

Lehrstück in Sachen Terroir

Ojitos und Vidal: zwei benachbarte Weinberge, eine Rebsorte, identischer Ausbau – und dennoch zwei eigenständige Persönlichkeiten. Wer beide nebeneinander probiert, schmeckt nicht nur den Unterschied, sondern die ganze Vielfalt des Listán Negro.

Piedra Fluida verhilft Weinbergen rund um die Insel zu neuem Leben, und die Rebstöcke sind ein lebendes Museum zahlreicher kanarischer Sorten.

ROSADO 2023

Ein Terrassenschoppen ist das nicht

Die apricot-rosafarbene Cuvée aus Listán Blanco, Tintilla und Verdello ist eine ungewöhnliche Komposition für einen Rosé – und keinesfalls der gängige Terrassenschoppen.

Sechs Monate in französischer Eiche vergoren und auf der Feinhefe ausgebaut In der Nase verbinden sich zarte Frucht, Wildrosen und feine Kräuterwürze.

Am Gaumen dominieren lebendige Säure und salzige Mineralität. Ein Hauch Bitternote sorgt für Spannung und Länge.

Ein Rosé mit Tiefe – ideal zu Gegrilltem Thunfisch, mediterranen Gerichten mit Kräutern und Olivenöl. Auch zu asiatischen Vorspeisen mit leichter Schärfe entfaltet er seine aromatische Vielschichtigkeit.

Wein, den es nur einmal gab

Piedra Fluida will Weine mit Charakter erzeugen, sagt mir Sophia. Weine, die von Vulkanen, Lava, Wind und Wetter erzählen.

Aus dieser Philosophie entstand 2023 die Cuvee „Magec“, nachdem als Folge eines verheerenden Waldbrands in der Umgebung eines Weinbergs Rauchschwaden durch die Rebzeilen zogen. Dieses Aroma schlug sich in den Trauben nieder. Fast alle Trauben wanderten auf den Kompost.

Doch die besten davon wählten sie aus und verschnitten sie mit weißen aus dem Süden der Insel. So entstand „Magec 2023“, der Wein, den es nur einmal gab.