Rebsorten
Die autochthonen Rebsorten sind ein lebendes Erbe gesamteuropäischer Weinbautraditionen und ein derartiges Sortenspektrum habe ich noch in keiner anderen Region auf derart kleinem Raum gefunden. Ich finde deshalb, sie sind schon charakteristisch für den Weinbau auf den Kanaren. Ihre Vielfalt ist beeindruckend: über 80 autochthone Sorten sind bislang identifiziert. Die wichtigsten Varietäten sind:
Weiße Rebsorten
Listán Blanco: Struktur und Finesse mit Understatement
Die am weitesten verbreitete weiße Sorte. Genetisch identisch ist sie mit Palomino Fino aus dem andalusischen Jerez. Auf den kanarischen Vulkanböden entwickelt die Sorte jedoch einen völlig anderen Charakter, der mir sehr gefällt. Listán Blanco bringt Weißweine von blassgelber Farbe und mittlerem Alkoholgehalt hervor. In der Nase zeigt er sich verhalten, im Mund überrascht mich immer wieder, wie klar strukturiert, frisch, kräuterwürzig und mineralisch er wirkt. Immer häufiger stoße ich inzwischen auch auf komplexe, oxidativ ausgebaute Weine. Ich finde, Listan Blanco ist eine Rebsorte, die das Vulkanterroir auf das Beste wiederzuspiegeln vermag.
Malvasía: Weine mit “Wow-Effekt”
Diese Sortengruppe stammt ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum. Auf den Kanaren wächst sie in verschiedenen Varianten, wie Malvasía Volcánica oder Malvasía Aromática. Oder auch Gual. Alle begeistern mich mit ihrer aromatischen Vielfalt, oft mit Noten von Honig, Orangenblüten und tropischen Früchten.
Malvasía Volcánica ist die Spezialität auf Lanzarote, wird aber auch auf Teneriffa und La Palma angebaut. Diese Sorte wird zur Herstellung von strohgelben Weinen verwendet, die mit zunehmender Süße goldene Reflexe aufweisen. Im Aroma sind die Weine von großer Finesse, weiße Blüten, Zitrusfrüchte und Steinobst steigen auf, weiße Johannisbeeren, Kräuternuancen, honigartige und tropische Töne. Am Gaumen gefällt die Ausgewogenheit mit intensiven Fruchtaromen und mittlerer Säure, die dem Wein Frische verleiht. Das Mundgefühl ist üppig, elegant (Glyzeringefühl im Mund, was ihm einen opulenten Körper verleiht). Große Bedeutung erlangt sie in süßen und halbsüßen Weinen. Sortenreine Weine werden wegen ihres Aromas sehr geschätzt.
Malvasía Aromática
Die Weine daraus sind von hellgrüner bis zitronengelber Farbe. In der Nase zeigen sich starke Aromen von Steinobst, weißen Johannisbeeren und ein intensives blumiges Aroma. Jung sind sie rund, mit weichem Körper und weicher Textur, balanciert durch eine scharfe, erfrischende Säure. Auch Weine aus überreifen Trauben beeindrucken durch ihre Ausgewogenheit zwischen Frische (hoher Säuregehalt) und Intensität des Aromas (mit Noten von Quitte, kandierten Aprikosen und Wildblumenhonig). Dazu kommt eine leicht bittere Note, die einen attraktiven Kontrast zur Süße schafft. Mit zunehmender Reife entwickeln sich Aromen von kandiertem Steinobst, frischen Blumen und Noten von Kaffee, Schokolade und Feigen.
Gual
Malvasía Fina heißt die Sorte in Portugal, von wo sie stammt. Auf den Kanaren ergibt sie säurebetonte Weine mit mineralischen Noten und cremiger Textur. In der Nase zeigen sich Noten von Wachs, Honig, Muskatnuss und eine dezent rauchige Note. Je nach Reife, scheinen auch Noten von Jasmin, Melone oder Ananas hervor. Seit einiger Zeit begegnen mir häufiger Weine, mit deutlichen Toast- und Vanille- Aromen. Und das ganz ohne die Verwendung von Eiche!
Vijariego Blanco: Schneewittchen mit Pep
Eine weitere interessante autochthone Sorte und einer meiner Favoriten. Sie bringt straffe, komplexe und strukturierte Weißweine mit hoher natürlicher Säure hervor. Die Nase erkennt Noten von Apfel, Birne und Zitrone/Limette, aber auch blumige und kräutrige Noten wie bitteren Fenchel. Am Gaumen packen die Weine kräftig zu, dann tauchen auch elegante Geschmacksnuancen auf, der Abgang ist extrem lang. Weine aus ökologischem Anbau zeichnen sich durch deutliche Mineralität und Salzigkeit aus: ein Spiegel des vulkanischen Terroirs. Die besten Jahrgänge entwickeln sich hervorragend in der Flasche. Sie gewinnen an Struktur durch den Kontrast süßer und bitterer Noten.
Rote Rebsorten
Listán Negro: der kirschrote Platzhirsch
Die wichtigste rote Sorte, die sich hervorragend an die vulkanischen Böden angepasst hat und ausgezeichnet altern kann. Bisher jedoch wird der Großteil dieser kirschroten Weine jung getrunken, oft auch mit Kohlensäuremaischung. Die Aromen erzählen von roten Früchten (Erdbeeren und Himbeeren), dazu kommen mineralische und pfeffrige Noten. Zu dieser saftig-fruchtigen Leichtigkeit kommen auf der Zunge und am Gaumen weiche Tannine und eine deutliche Mineralität. Der Abgang ist trocken und hält mittellang an.
Von der Reifung in Eichenholz oder Beton profitieren Weine aus Listán Negro spürbar. Dann kommen Gewürzaromen, Vanille, getrocknete Feigenblätter oder Lakritze dazu, einem langen, eleganten Abgang. Die besten Erzeuger produzieren kräftige, pfeffrig – würzige Rotweine mit deutlicher Mineralität und Eleganz.
Listán Prieto: die Stammrebe Lateinamerikas
Diese Sorte ist so etwas wie der geheime „Global Runner“ der Kanaren. Als Criollo, Mission Grape oder Pais findet man sie seit dem 16. Jahrhundert weit verbreitet im gesamten lateinamerikanischen Raum, von Chile bis hoch ins früher spanische Kalifornien.
Auf den Kanaren findet man die Sorte vor allem auf den westlichen Inseln. Sie bringt hervorragende sortenreine Weine mit Alterungspotential, wird aber auch für Cuvees verwendet. Listán Prieto – Weine sind farbintensiv, mit Aromen von schwarzen und roten Früchten, Toffee-Karamell und Kaffee. Am Gaumen und auf der Zunge erlebe ich füllige Weine mit geschliffenen Tanninen.
Wie die Sorte Listán Negro sehe ich auch beim Listán Prieto sie die Fähigkeit, die Mineralität des vulkanischen Terroirs im Wein besonders deutlich zu zeigen.
Negramoll: die weiche schwarze
Eine weitere häufige rote Sorte, aus der kirsch- oder himbeerrote Weine entstehen. Bei den Aromen dominieren fruchtige Komponenten, meist Himbeeren, Johannis- und seltener auch Heidelbeeren.
Cuvees bereichert Negramoll mit Alkohol und aromatischer Komplexität. Sortenrein liefert Negramoll samtige und früh zugängliche Rotweine mit Struktur und den genannten Aromen von roten und blauen Früchten. Am Gaumen werden weiche und süße Tannine mit moderatem Alkohol kombiniert, um ein weiches Gefühl zu vermitteln.
Gereifte Weine aus Negramoll schimmern oft orange- und goldfarben. Neben die Primärfrucht treten dann sekundäre und tertiäre Aromen von gemahlenem Kaffee, Toffee-Karamell, Leder und Waldboden. Die Tannine sind weich und gut integriert.
Vijariego Negro: ein Wein zum Kauen
Die Sorte bringt Weine mit präsenter Säure und kräftigen Tanninen. Bei den Aromen dominieren rote Früchte, daneben zeigt sie Anklänge an Unterholz, Cassislikör, mit ausgeprägter Mineralität. Schon junge Weine können beeindrucken. Ihre ganze Größe zeigt Vijariego, dank seiner hohen Säure und Tannizität, jedoch in gereiften Weinen. Er harmoniert sehr gut mit anderen Sorten.
Baboso Negro: Phönix aus der Asche
Alfrocheiro heißt die Sorte in Portugal. Und portugiesische Siedler brachten sie vermutlich auch auf die Kanaren. Die Geschichte des Baboso Negro ist eine gesamteuropäische: einer seiner Vorfahren ist der Traminer aus Tirol. Über den Jakobsweg gelangte er nach Spanien und Portugal und vermutlich über Madeira, auf die Kanarischen Inseln.
Beinahe war die Sorte verschwunden. Quasi in letzter Minute entdeckte Juan Jesus Mendez von der Bodega Vinatigo einen winzigen Restbestand auf El Hierro. Er experimentierte und erkannte die Qualitäten der Sorte. Baboso Negro bringt tief gefärbte Weine mit einem guten Alkohol- und hohem Polyphenolgehalt, milden Tanninen, viel Säure und intensiven Aromen nach Veilchen, schwarzen Früchte, Beeren und hellem Tabak. In „Asemblajes (Cuvees)“ bringen schon geringe Anteile Farbe und Struktur in den Wein. Baboso Negro eignet sich für lange Maischestandzeiten und hat ein hohes Potenzial für die Herstellung von roten Süßweinen. Mittlerweile wird Baboso Negro wieder auf mehreren Inseln angebaut.

