Raus aufs Land
Wenn man als Besucher Teneriffas abseits der touristischen Strände unterwegs sein will, macht man sich auf in den grünen Norden der Insel. Meist nimmt man die Hauptstrecke Richtung Puerto de la Cruz – und ist schnell vorbeigerauscht, am Abzweig zu dem wenig spektakulären Landstädtchen La Guancha.
Doch wer hier abbiegt, kommt in eine andere Welt, die sich viel vom traditionellen, landwirtschaftlichen Teneriffa bewahrt hat. Besonders am frühen Morgen, nach der Kühle der Nacht, riecht die Luft hier nach Feuchte, Erde und Vegetation, und die Landschaft wirkt sauber wie nach einem Regenguss.
Ein Weingut im Fels
Nach der x-ten Kurve der Nebenstraße erhebt ein aus Lavastein gemauerter Rundturm mit dem Schriftzug „Viñátigo“. Hier treffen wir den Besitzer und Gründer des Weinguts, Juan Jesús Méndez, einen Mann mit regen Augen, der trotzdem eine sympathische Ruhe ausstrahlt. Er führt uns in den Turm, den Eingang zur Unterwelt: auf einer spiralförmigen Rampe geht es hier mehrere Stockwerke abwärts in den Basalt, in eine natürliche Lavahöhle, die als Verkostungsraum dient. Wir sind im Herzen der Bodega angelangt.
Tradition und Erneuerung
Juan Jesús Méndez zeigt auf eine Reihe von Weinflaschen. Die meisten tragen Namen, die außerhalb der Kanaren kaum jemand kennt. Genau das ist sein Lebenswerk. Er ist Winzer in vierter Generation. Mit stiller Konsequenz hat er sich dem verschrieben, was andere lange belächelt haben: der Wiederbelebung autochthoner Rebsorten und der Verbindung von Tradition und Innovation im Weinbau.
Schon 1990, als er das Familienweingut neu ausrichtete, galt seine Leidenschaft den einheimischen Sorten. Heute keltert Viñátigo sortenreine Weine aus Baboso Negro, Gual, Vijariego Blanco, Marmajuelo oder Tintilla – Namen, die teils wie exotische Zungenbrecher klingen. Für Juan Jesus Méndez sind sie Säulen kanarischer Identität.
Terroir
Die Weinberge von Viñátigo erstrecken sich über 16 Hektar im Nordwesten Teneriffas, in unterschiedlichen Höhen zwischen 200 bis 1.000 Metern. Zusätzlich bezieht das Weingut Trauben von etwa 50 Vertragswinzern. Die Parzellen sind klein, oft schwer zugänglich, doch gerade daraus ergibt sich die Vielstimmigkeit der Weine. Viñátigo legt großen Wert auf nachhaltige Praktiken: Der Weinbau erfolgt organisch. Ausschließlich Vulkanböden, Kleinklima und wurzelechte Reben sollen den Weinen Energie, Textur und Tiefe verleihen.
Weinbereitung und Philosophie
Im Keller arbeiten Juan Jesús Méndez, sein Sohn Jorge und Önologin Elena Batista mit Präzision, ohne sich in Technologie zu versteigen. Trauben, Most und Weine fließen mit Schwerkraft. Der Ausbau erfolgt in kleinen Chargen. Vergoren wird traditionell mit wilden Hefen, die Weine gären in Edelstahl, einige in Tonamphoren oder Eichenfässern. Schwefel, Schönung und Filtration handhabt Vinatigo minimal-invasiv. Das Ziel: ein Maximum an Ausdruck, bei minimaler Verfälschung.
International vernetzt, lokal verankert
Viñátigo ist heute international bekannt – hat dabei jedoch nie die Bodenhaftung verloren. Die Weine sind auf den besten Weinkarten Europas und der Welt zu finden – nicht als Exoten, sondern als authentische Botschafter eines Terroirs, das lange unterschätzt wurde.

